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Ötzis Kino-Debüt: Der Kampf ums Überleben

Über 25 Jahre nach dem Fund der Gletschermumie Ötzi auf dem Tisenjoch wird der Mann aus dem Eis in einem bildgewaltigen, archaischen Drama wieder zum Leben erweckt. Der Spielfilm „Iceman“, der u.a. im Südtiroler Schnalstal und Passeiertal gedreht wurde, taucht in die Tiefen des Menschseins ein. Im Mittelpunkt stehen der Kampf um die Existenz, Krieg und Frieden, aber auch Gefühle wie Hass, Gier, Rache und Gnade. Haltungen, die uns noch heute vertraut sind. In der Hauptrolle: Jürgen Vogel, der sich hierfür regelrecht in einen Steinzeitmenschen verwandelt hat. Er selbst behauptet: „Das war eine der gesündesten Dreharbeiten, die ich jemals hatte.“ Lesen Sie selbst!

Für den Film lernte Jürgen Vogel Bogenschießen.

Ötzis Leben und Tod auf der Leinwand: Wie realistisch lässt sich das in einem Spielfilm darstellen?
Jürgen Vogel: Der Regisseur Felix Randau hat sich eine sehr spannende Geschichte ausgedacht. Er hat sich vorgestellt, wie es hätte sein können, dass Ötzi im Gletschereis vor über 5.000 Jahren zu Tode gekommen ist. Das ist die große Stärke der Fiktion, dass sie dort ausmalt und Lücken schließt, wo die Dokumentation nicht mehr hinkommt, weil ihr das Faktenmaterial fehlt. Was den Rest anbelangt, wie die Menschen in dieser Zeit gelebt und gearbeitet haben, da verlassen wir uns auf die Wissenschaft.

Über 2 Stunden verbrachten die Schauspieler in der Maske.

Kostüme und Requisiten wurden originalgetreu gemeinsam mit dem Archäologiemuseum in Bozen nachgebaut. Wie hilfreich war das für Sie?
Jürgen Vogel: Wenn ich an das Set kam, hatte ich stets das Gefühl, ich bin in einer Zeitmaschine unterwegs, die mich in die Steinzeit katapultiert. Das hat mir sehr geholfen zu verstehen, wie die Materialien waren, die benutzt und getragen wurden, wie die Menschen gekleidet waren, welches Handwerk und welche Waffen sie benutzt haben.

Der Film kommt fast ohne Dialoge aus. Was heißt das für einen Schauspieler?
Jürgen Vogel: Das ist wie in einem Actionfilm, in dem es auch nicht viele Dialoge gibt. Vieles wird über Situationen geklärt, auf die man reagiert. Im Fall von Ötzi mit der unglaublichen Wut des Verzweifelten, der seine Familie oder seine Dorfgemeinschaft verloren hat bzw. mit dem Gefühl eines Menschen, der seine Rache ausgelebt hat und sich dabei nicht gut fühlt.

Hinter der Kamera: der preisgekrönte Jakub Bejnarowicz.

Der Gejagte wird aus Rache selbst zum Täter: auch wenn seine Gefühle heute noch nachvollziehbar sind, so macht er sich doch selbst schuldig oder?
Jürgen Vogel: Das hat mich in vielen Rollen immer wieder beschäftigt, dass der Mensch eigentlich Gutes will, dann aber selbst Böses schafft. Jeder kann gleichzeitig Gut und Böse sein. Ötzi lässt sich von seiner Rache bis zum Äußersten treiben und spürt dann erst, dass er sich hat hinreißen lassen. Um Gerechtigkeit walten zu lassen, galt wohl eine Art Faustrecht. Der Mensch hat aber auch Gefühle und ein Gewissen – das ist keine Erfindung der Neuzeit. Genau das verbindet uns mit diesem Steinzeitmenschen. Seine Konflikte können wir heute genauso nachempfinden.

Beim Dreh waren Sie physisch stark gefordert. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Jürgen Vogel: Sicher, für Ötzi wurde mir einiges Abverlangt, aber ich habe mich vorher durch lange Läufe darauf vorbereitet. Für die Kampfszenen habe ich richtig trainiert und geübt, mit Pfeil und Bogen zu schießen. Die Produktion hatte auch einen Coach für die Choreografie engagiert. Zudem habe ich fast zwei Stunden täglich mit der Vorbereitung in der Maske und Garderobe verbracht. Im vergangenen September hatten wir manchmal recht sommerliche Temperaturen, also musste ich für die Drehtage auf 3.500 Metern nicht immer frieren. Trotzdem: In dieser Höhe, bei dichtem Schneefall und teils eisigen Temperaturen, das war schon sehr anstrengend für uns alle.

Für den Dreh wurden originalgetreue Kostüme verwendet.

Wie stark hat sich diese Rolle von dem unterschieden, was Sie bisher gespielt haben?
Jürgen Vogel: Die große Herausforderung bestand darin, dass ich als Ötzi viel allein mit meinen Emotionen war und dabei die Geschichte und die Spannung tragen musste. Die Bilder, die Jakub Bejnarowicz und Felix Randau gefunden haben, stets so auszufüllen, dass die Zuschauer sie auch spannend finden, war schon eine große Verantwortung.

Sie leben in Berlin, in einer Großstadt. Wie war es für Sie, in den Bergen zu drehen?
Jürgen Vogel: Es war großartig, eine längere Zeit in diesen phantastischen Landschaften in Südtirol, Österreich und Bayern verbringen zu können. Ich suche gerne derartige Naturerlebnisse und gehe immer wieder wandern. Ich denke, das war eine der gesündesten Dreharbeiten, die ich jemals hatte.

Gedreht wurde unweit der Fundstelle von Ötzi.

Sie haben die Eismumie Ötzi im Archäologiemuseum in Bozen besucht. Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
Jürgen Vogel: Der Rundgang durch die Ausstellung ist total faszinierend, weil einem das Leben von Ötzi und seine Zeit sehr anschaulich vermittelt werden. Als ich ihn aber so sah, musste ich denken: Nun ist er so alt, über 5.000 Jahre, und liegt immer noch dort, wo Menschen ihn anschauen können. Ob er jemals seine Ruhe findet? Noch dazu ist er so klein… Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde (lacht).

JÜRGEN VOGEL

Der gebürtige Hamburger (*29. April 1968) ist Schauspieler, Drehbuchautor, Komiker, Filmproduzent und Sänger. Seinen Durchbruch feierte er Anfang der Neunziger mit Sönke Wortmanns Kultfilm „Kleine Haie“. Seitdem zählt Vogel, der in den vergangenen Jahren in den Kinofilmen „Der freie Wille“ und „Die Welle“ brillierte, zu den wichtigsten deutschen Schauspielern. Kinostart von „Iceman“: 30. November 2017

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