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Weit weg, nah dran

Manchmal muss man die Dinge mit Distanz betrachten, um ihnen näher zu kommen. Das Blogger- und Autorenpaar Judith Niederwanger und Alexander Pichler haben genau diese Erfahrung gemacht. Mit ihren Fotos wollen sie nicht nur die landschaftliche Vielfalt Südtirols einfangen – sie wollen die Lust wecken, vermeintlich Vertrautes aus einer völlig neuen Perspektive zu sehen.

Aus der Vogelperspektive: Das Hochmoor Wieser-Werfer (2080 m) im Südtiroler Ahrntal. Hier bildet der Marksteinjöchlbach elegante Schleifen. Im Hintergrund ragt die Dreiherrenspitze in den Himmel.

Seit über zehn Jahren sind Judith Niederwanger und Alexander Pichler ein Paar. Sie ist Gärtnerin und arbeitet viel im Freien, er ist Webentwickler und verbringt die meiste Zeit vor dem Bildschirm. Sie stammt aus Bruneck im Osten Südtirols, er aus Meran im Westen – dort befindet sich auch ihr gemeinsamer Lebensmittelpunkt. Vor einigen Jahren haben sie das große Abenteuer einer Weltreise gewagt: 352 Tage, 18 Länder, 4 Kontinente. Für Freunde und Verwandte haben sie ihre Erlebnisse in einem Blog festgehalten, den sie kurzerhand „Roter Rucksack“ tauften. Benannt wurde er nach dem Rucksack, den Judith eigens für das gemeinsame Vorhaben ankaufte. Nach einem Jahr als Weltnomaden brach die Lust am Entdecken nicht ab und sie begaben sich in ihrer Heimat Südtirol auf Erkundungstour. Seitdem verbringen sie jede freie Minute beim Wandern und Fotografieren in den Bergen. Auf ihren Streifzügen knipsen sie immer wieder Bilder, die völlig neue Perspektiven aufzeigen. Sie porträtieren alpine Täler, die aus der Vogelperspektive beinahe an das karge Island erinnern, lichten mäanderartige Flussläufe wie in der norwegischen Taiga ab und wildromantische Biotope, die mitten in den Alpen echtes Dschungel-Feeling aufkommen lassen. Dabei wirkt selbst das vermeintlich Altbekannte plötzlich ungewohnt neuartig.
Ein Gespräch mit einem Paar, das sich an Südtirol nicht sattsehen kann.

Judith Niederwanger & Alexander Pichler | Blog: www.roterrucksack.com

Was habt ihr durch das Wegsein über das Hiersein erfahren?
Pichler: Vielleicht, dass man eine Weile lang weg sein muss, um das Hiersein überhaupt wertschätzen zu können. Ich würde sagen, man geht vielmehr mit offenen Augen durchs Leben und durch die eigene Heimat.

Niederwanger: Stimmt, mit dem Wandern haben wir erst nach unserer Weltreise begonnen. Davor hatten wir noch nicht so viel vom eigenen Land gesehen. Nach unserer Rückkehr war der Berufsalltag schnell wieder da, aber der Drang immer wieder etwas Neues zu sehen und zu erleben hatte Bestand. Also haben wir die Entscheidung getroffen: Lass uns doch unsere Heimat erkunden!

Pichler: Wir haben uns gedacht: Es muss doch einen Grund geben, warum so viele Menschen jedes Jahr hierherkommen, um Urlaub zu machen.

Seid ihr der Antwort etwas nähergekommen?
Niederwanger: Es gibt viele Faktoren, die Südtirol als Destination interessant machen. Doch es ist nicht nur der Mix aus dem Alpinen und Mediterranen, der immer wieder laut angepriesen wird. Es ist die Tatsache, dass die Erlebnisse hier wirklich vor der Haustür beginnen. Man muss nicht weit gehen, um sich ins Abenteuer zu stürzen.

Pichler: Stimmt, die Landschaft in Südtirol übt eine große Faszination auf Menschen aus. Hinzu kommt der Kontrast auf engem Raum: auf der einen Seite die Palmen, auf der anderen Schnee und Gletscher.

In der Corona-Pandemie haben viele Südtiroler ihre Heimat wieder entdeckt. Ist man als Einheimischer manchmal blind für die Abenteuer vor der eigenen Haustür?

Kunstwerk aus Stein: Dieses spektakuläre Felsentor haben Judith Niederwanger und Alexander Pichler bei ihrer Wanderung zur Latemarhütte (2671 m) entdeckt.

Pichler: Ja, das kann man durchaus so sagen. Auch wir mussten zuerst mal weg, um die Schönheit zuhause wertschätzen zu können.

Südtirol ist ein relativ kleines Fleckchen Erde. Gehen einem da nicht bald die Optionen für neue Erkundungstouren aus?
Pichler: Nein, es gibt hier so viel zu sehen! Eine besonders gute Quelle, wenn es um neue Abenteuer geht, sind unsere Eltern. Auch sie wandern für ihr Leben gern, kennen die schönsten Plätze und teilen sie mit uns.

Niederwanger: Natürlich gibt es auch Wanderbücher und das Internet. Was uns aber immer gestört hat, ist eben, dass es kaum anschauliches Bildmaterial zu den Wanderungen gibt. Wir wollen nicht nur Erkundungstouren teilen, sondern legen auch Wert auf gutes und anschauliches Bildmaterial, das dazu inspiriert, die Wanderschuhe zu schnüren.

Pichler: Unser Ziel ist es nicht, Menschen an einen einzigen Ort oder an einen bestimmten Hotspot zu locken. Wir wollen dazu inspirieren, mit offenen Augen durch Südtirol zu gehen und auf eigene Faust zu erkunden. Das ist uns wichtig.

Knackiger Anstieg: Die Nordflanke des Kleinen Kornigl (2311 m) gehört zur Ultner Gemeinde St. Pankraz, seine Südseite hingegen zur Gemeinde Laurein am Deutschnonsberg. Ein Keil, der auf der Ostseite bis zum Gipfel hinauflangt, befindet sich in der Trentiner Gemeinde Borgo d’Anaunia.

]Freunde aus dem Ausland kommen zu Besuch. Wohin entführt ihr sie?
Niederwanger: Ich würde sie zu einem Picknick auf Castelfeder einladen.

Pichler: Ein Ausflug nach Aschbach in Algund zum Kirchlein Maria Schnee und hinauf aufs Vigiljoch wäre auch schön. Ich würde meine Gäste aber auch nach Meran führen. Judith wird mir nicht zustimmen, aber für mich ist es die schönste Stadt in Südtirol (schmunzelt).

Alles fließt: Mäanderartige schlängelt sich die Passer durch das Passeiertal. Sie entsteht unter dem Timmelsjoch und ist mit 42,6 km Länge einer der größten Zuflüsse am oberen Lauf der Etsch.

Niederwanger: Da muss ich widersprechen, für mich ist Bruneck die schönste Stadt. Denken wir doch an das Schloss, das über sie wacht!

Pichler: Ach was, denken wir an die Gilfpromenade und an den Tappeinerweg in Meran … Das bietet sich zum Flanieren an!

Sich festzulegen, scheint nicht einfach zu sein …Pichler: Ich bin von Meran, Judith von Bruneck und naja, wir Südtiroler finden immer die eigene Gemeinde und das eigene Tal am Schönsten (lacht).

Zitat
„Vielleicht muss man eine Weile lang weg sein, um das Hiersein wertzuschätzen.“
Alexander Pichler

Ausflugstipp zu den Barbianer Wasserfällen
1 schiefer Turm, 3 Kirchen, 3 Wasserfälle
Start im Dorfzentrum von Barbian. Hier steht die St.-Jakob-Kirche. Ganze 1,5 m ist die Spitze aus dem Lot. E sieht fast so aus, als würde der Turm jeden Moment kippen. Den Blick auf die Dolomiten gerichtet, folgen Sie anschließend dem Wasserfallweg bergauf – vorbei an Kastanienbäumen, Kneipp-Stationen und quer durch den Wald. Nach ca. 5 Min. sind Sie beim unteren Wasserfall (1012 m). Über einen schmalen, teilweise mit Drahtseil gesicherten Pfad geht es weiter bis zum 2. Wasserfall. Wer auch den 3. Wasserfall sehen will, zweigt links kurz vom Weg ab, kehrt dann aber wieder zurück, um über die Markierung Nr. 6 Richtung Dreikirchen zu gehen. Auf dem Weg dorthin trifft man auf eine Abzweigung, die zu einer Lichtung mit Blick auf den Schlern führt. Weiter geht’s über eine Wiese, bis man an eine Forststraße gelangt, die zum wunderschönen Weiler Bad Dreikirchen (1120 m) mit seinen drei gotischen, eng verbundenen Kapellen führt. Zurück nach Barbian geht es über Weg Nr. 11 und Nr. 11A.

Dorfzentrum Barbian
ca. 3 h
8,5 km