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Messner: die Legende in Aquarell

Bis an die äußerste Grenze…und darüber hinaus. Das Gefühl, den Gipfel eines Felsgiganten zu erobern, ist mit dem Wissen gepaart, dass das Unterfangen erst dann geschafft ist, wenn man auch heil am Fuße des majestätischen und doch erbarmungslosen Berges ankommt; beinahe unverschämt, wie er in den Himmel ragt! Und dann das Scheitern, die Tragödie und der lange Weg bis man lernt, damit zu leben. Das brandneue Comic-Heft „Messner – Der Berg, die Leere, der Phönix“ von Michele Petrucci, erschienen im Coconino Press-Fandango Verlag, ist ein gelungenes Werk mit Aquarellbildern, das in Form von Flashbacks und Flashforwards genau das thematisiert.

„Die Philosophie von Messner ähnelt mehr der eines Künstlers als eines Sportlers“

Im Zentrum steht das Leben der Bergsteigerlegende Reinhold Messner, dargestellt in rund 88 Zeichnungen. „Ich kenne nicht alle seine Expeditionen, aber als ich die Doku Gasherbrum von Werner Herzog zum ersten Mal sah, blieb ich von seiner Lebensphilosophie beeindruckt. Sie ähnelt mehr der eines Künstlers als eines Sportlers. Mut zum Wagnis, Verzicht für den höheren Zweck und die Tatsache, der Gefahr und Kritik ausgesetzt zu sein, machen einen Kreativen aus“, erklärt Petrucci, der drei Jahre lang an seinem Comic arbeitete. Hierfür hat er sich zwei Mal mit Messner getroffen. Das Ergebnis: eine wunderbare Zusammenarbeit. „Meine Zeichnungen haben ihm gefallen und er hat mir Tipps gegeben, wie man die Geschichte erzählen könnte“, schildert er. Wobei: Messner selbst kannte in seiner Kindheit keine Comics. „In Villnöss, wo ich aufgewachsen bin, gab es so was nicht. Wenn alles gut ging, kam einmal die Woche die Post“, erzählt er mit einem Lächeln und gesteht: „Anfangs war ich etwas skeptisch, trotzdem habe ich beschlossen, mich mit Petrucci zu treffen. Nach wenigen Minuten habe ich verstanden, dass ich einen Profi vor mir hatte. Somit konnte ich nicht Nein sagen und habe ihn dazu ermuntert, frei zu arbeiten. Letztendlich ist er Künstler und verdient es auch, mein Leben auf seine Art zu erzählen.“ Das Werk von Petrucci über den weltbekannten Südtiroler Bergsteiger ist in drei Hälften unterteilt: Angefangen bei der freien Besteigung von 14 Achttausendern ohne Flaschensauerstoff,

Am meisten faszinieren Petrucci aber zwei bestimmte Expedition von Messner: „Da ich mich selbst am liebsten zu Fuß auf Entdeckungstour begebe, finde ich die Durchquerung der Wüste Gobi, die übrigens bereits 60 Jahre her ist, besonders spannend! So auch jene zum Südpol, auf den Spuren der großen Entdecker. Schon immer habe ich mir vorgestellt, dass sie wie Geister in diesen kargen und windigen Gegenden umhergestreift sind“, verrät der Cartoonist aus Fano in den Marken, der u.a. für die Tageszeitungen Il Manifesto und Corriere della sera arbeitet. In seiner (Bio)graphic Novel überzeugt er mit einer hybriden Erzählweise, die sich auf Zeitsprünge stützt. „Dieses Buch war in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung. Es war nicht nur meine erste Biografie, sondern auch eine überaus komplexe Geschichte, da es eine Vielzahl an Veröffentlichungen von Messner selbst zu berücksichtigen galt. Ich habe versucht, mit großem Respekt die Texte zu verfassen. Anhand von Zeitsprüngen habe ich schließlich einen Weg gefunden, um die erzählerische Spannung aufrecht zu erhalten“, unterstreicht Petrucci, dem es auch gelungen ist, beinahe unwirkliche Elemente einzubauen, wie etwa Halluzinationen, Geister, Träume und Visionen. „Der Berg steht für die ungezähmte Natur, die Herzog als unvollständig, von Gott mit Wut erschaffen bezeichnet. Im Übrigen betont

„Derart hohe Orte sind gefährlich & werden nur von Dummköpfen oder Träumern aufgesucht.“

auch Messner immer wieder, dass derartige Orte gefährlich sind und nur von Dummköpfen und Träumern aufgesucht werden.“ Von einer Sache ist er aber besonders überzeugt: „Der Berg berührt den Himmel, daher ist es durchaus verständlich, dass ein derart komplexer, u.a. auch geographisch geprägter Mythos entstanden ist.“ Petrucci, der sich derzeit einem Comic-Roman über die Französische Revolution widmet, gelingt es letztendlich, ein authentisches Bild von Messner als Bergsteigerlegende zu zeichnen; eine Art Momentaufnahme, wie es die geübte Hand eines Kletterers ist, die sich am Felsen festhält, um das wahre Wesen des Berges zu spüren. Eine spannende Herausforderung, wunderschön und gefährlich zugleich…

 

Messner – Der Berg, die Leere, der Phönix
Michele Petrucci
Coconino Press (Fandango)
€ 17,00