preloder

Die Galionsfigur der Stubaier Alpen

Hoch oben in den Stubaier Alpen, direkt auf dem Gipfel des Bechers, thront ein letzter Zufluchtsort: das legendäre Becherhaus, Südtirols höchstgelegene Schutzhütte. In dieser an sich menschenfeindlichen Umgebung, auf 3195 Metern, herrschen eigene Gesetze. Seit der Erbauung im Jahre 1894 trotzt das Refugium den Elementen und bietet von Ende Juni bis Mitte September abenteuerlustigen Bergsteigern ein Dach über den Kopf. An der Türschwelle empfängt sie dort mit einem freundlichen Händedruck der überaus sympathische Hüttenwirt Erich Pichler. Wir haben mit ihm über seinen mühsamen und doch erfüllenden Alltag gesprochen.

Schneefälle im August sind keine Seltenheit.

Herr Pichler, haben Sie auf dem Becherhaus auch mal Zeit für sich?
Auf jeden Fall, wobei ich hoffe, dass ich diesen Sommer wenig Zeit für mich habe (lacht)! Denn viel Freizeit bedeutet, dass wegen schlechten Wetters keine Gäste da sind und da die Saison nur sehr kurz ist, im besten Fall von Ende Juni bis Mitte September, zählt jeder Tag.

Wie kamen Sie zur Ihrer Tätigkeit als Hüttenwirt?
Schon als junger Bub bin ich auf dem Becherhaus gewesen, und als ausgebildeter Skilehrer und Bergführer war es für mich immer ein Traum, ein Schutzhaus zu betreiben. Für mich kam nur das Becherhaus in Frage. Der italienische Alpenverein CAI suchte 2001 nach einem neuen Wirt, also habe ich mich dafür beworben. Nach einigem Hin und Her erhielt ich den Zuschlag und ich ging das Wagnis ein – obwohl ich damals eine gutgehende Bergführerschule leitete. Dazu muss gesagt werden, dass ich ohne die Unterstützung meiner Familie nicht in der Lage wäre, davon zu leben.

Für die Versorgung ist das Becherhaus auf den Helikopter angewiesen.

Was macht das Becherhaus für Sie zu etwas Besonderem?
Meine Frau und meine beiden Töchter sind jeden Sommer mit mir auf dem Becherhaus. Ohne meine Frau könnte ich das Haus nicht selbständig führen. Dort oben hat eine meiner Töchter mit einem Jahr sogar das Laufen gelernt. Mittlerweile gehört die Schutzhütte einfach zur Familie. Davon abgesehen, ist die Lage faszinierend: Direkt am Gipfel gelegen, ist das Becherhaus selbst das Ziel einer jeden Route. Im Jahr 1894 als „Kaiserin-Elisabeth-Haus“ unter unvorstellbaren Strapazen errichtet, wurde auch eine Kapelle darin verbaut. Ein Pfarrer wurde damals eigens für 30 stationierte Bergführer angestellt. „Maria im Schnee“ ist heute das höchstgelegene Marienheiligtum der Alpen. Besonders ist auch die atemberaubende Rundumsicht auf die Stubaier Alpen und die Dolomiten. Bei glasklarem Wetter sieht man sogar die Adria schimmern. Gerne pflege ich noch zu sagen: Wenn man die Ohren spitzt, hört man auch die Gondolieri singen (lacht)!

Wie seht ein normaler Tagesablauf auf 3195 Metern aus?
Der Tag beginnt zwischen 4 und 5 Uhr, ich koche Wasser und bereite das Frühstück zu, das den Gästen ab 6 Uhr serviert wird. Anschließend helfen mir meine Frau und zwei Mitarbeiter beim Reinigen der Zimmer und Bettlager. Ab 9 Uhr gönnen wir uns ein Frühstück und können erstmals an die frische Luft. Um 10 Uhr kommen die ersten Gäste, die es zu verköstigen gilt. Ich kümmere mich um sie, gebe Auskunft über Routen und Wetter; zusätzlich fallen immer wieder Reparaturen und andere Instandhaltungsarbeiten an. Ab 16 Uhr kochen wir das Abendessen, das um 18.30 Uhr serviert wird. Das Aufräumen und der Abwasch sorgen dafür, dass vor 23 Uhr niemand von uns ins Bett fällt.

Erich Pichler mit Frau Andrea und den beiden Töchtern Emma und Leonie.

Wie läuft die Versorgung mit dem Notwendigsten ab?
Alles Nötige muss mit dem Hubschrauber geliefert werden. Hierfür wird im Juni der Landeplatz vom Schnee geräumt, was in dieser Höhe kein Zuckerschlecken ist, immerhin schöpft man von Hand, und das auch noch bei einem Drittel weniger Sauerstoff wie im Tal! Es folgen die Lieferungen mit Brennholz, Kohle und Diesel, anschließend die Lebensmittel und Getränke. Beim Ein- bzw. Aus- laden unterstützen mich fleißige Helfer.

Wie beziehen Sie Wasser und Strom?
Das Wasser muss aus 280 Metern Tiefe mit einer Pumpe hinaufbefördert werden, die mit Strom betrieben wird. Dieser wiederum wird durch ein Dieselaggregat und einer Photovoltaikanlage produziert und in Batterien gespeichert. Das Gletscherwasser kann zum Kochen und Putzen genutzt werden, das Trinkwasser wird per Hubschrauber eingeflogen.

Seit 2001 sind Sie Hüttenwirt im Becherhaus. Inwiefern hat sich der Klimawandel auch auf dem Gletscher bemerkbar gemacht?
Der Gletscher hat sich zurückgebildet, auf beinahe 3200 Höhenmetern wachsen heute sogar Gräser und Blumen. Früher gelangte man nur mit Steigeisen zum Becherhaus und dem Gletscher, heute ist die Route über das Ridnauntal komplett eisfrei. Das ermöglicht es allen – Kondition und Bergerfahrung vorausgesetzt – die Schutzhütte auch ohne Steigeisen und professioneller Begleitung zu erreichen.

An dieser Stelle stellt sich die Frage: Was bedeutet für Sie Luxus?
Im Grunde Kleinigkeiten wie z.B. fließendes, warmes Wasser. Oder eine Tageszeitung und frisches Brot vom Bäcker…