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Zu Besuch auf (un)bekannten Planeten

Dort, wo man es sich am wenigsten erwartet, zeigt sich Bozen von seiner kreativsten Seite. Fernab des Trubels und der Schickeria der Bozner Innenstadt dominieren Mauern und Beton. Grau in Grau wirkt die Realität unweit des Bahnhofareals. Und doch sind da bunte Farbtupfer – der Versuch von Sprayern, sich bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion im urbanen Dschungel zu verewigen. Plötzlich, als würde sich das Gehirn einen klitzekleinen Scherz erlauben, steht da auf der Linken ein großes Schaufenster, sorgfältig blank poliert. Beinahe surreal wirkt die unverhoffte Szenerie. Erst recht, weil auf der anderen Seite der Glasfassade ein Mann in der Hocke starr seinen Blick auf die wenigen Passanten richtet, die sich bis hierher verirren. Er ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Lindenholz gefertigt und dennoch wirkt er realer als so mancher Zeitgenosse. Er ist der stumme Wächter eines unscheinbaren Hinterhofes, der ein gut behütetes Geheimnis wahrt. Das Warten und Verweilen ist ihm vorbestimmt. Sein Schöpfer, hat es so gewollt…

Fabiano De Martin Topranin im Innenhof der Gemeinschaftswerkstatt RU17 in Bozen.

Gleich um die Ecke öffnet sich hufeisenartig ein kleines Areal. Zwischen mächtigen Baumstämmen, Topfpflanzen und Holzpaletten, die wie zufällig hier platziert scheinen, steht ein gelber Gabelstapler – als wäre er kurzerhand hier abgestellt worden. Von oben herab leuchten drei große, blassrote Lettern, die das Kürzel LAB formen. Bei näherer Betrachtung fügt sich das Bild zu einem kreativen Chaos, das dennoch seine natürliche Ordnung hat. Dies ist der Sitz der Gemeinschaftswerkstatt RU17, wo Fabiano De Martin Topranin mit anderen Künstlern und Designern ein kleines Reich der schöpferischen Vielfalt teilt. In der Luft liegt der zarte Duft von Holz, der in dieser Betonwüste am Bozner Boden beinahe bizarre Gedanken an einen Wald in der Stadt aufleben lässt. Genau dieser Kontrast zwischen dem Natürlichen und Urbanen prägt die Skulpturen des jungen Bildhauers aus Belluno. Nach einer mehrjährigen Ausbildung an der Kunsthochschule in Gröden, dem Mekka der Holzschnitzerei, hat der 34-Jährige in der Südtiroler Landeshauptstadt seine neue Heimat gefunden. „Auch wenn ich den Großteil meiner Zeit in Bozen verbringe, so bin ich geprägt von den Bergen sowie von den Wäldern, die sie umgeben“, verrät De Martin Topranin.

„Meine Arbeiten erzählen von Forschern, Entdeckern und Hütern des Raumes, der Städte und der Wälder.“

„Waiting“ aus der Serie „back to the forest“.

Seine ausdrucksstarken Skulpturen, in denen würdevolle Sujets der traditionellen Holzschnitzkunst mit modernen Gesellschaftsthemen und Ausdrucksweisen verschmelzen, entspringen dem Verlangen, die Dinge tiefgründig zu erforschen – über die Formen hinweg und in die Formen hinein zu schauen. Und genau das strahlen seine Kunstwerke auch aus: „Man könnte sagen: Ich liebe meinen Beruf, als körperlichen Akt, aber auch als Futter für den Intellekt. Mir gefällt der Gedanke, dass meine Skulpturen einer Erzählung entspringen, die nie geschrieben wurde. Daher würde ich meinen Stil als figurativ-erzählend beschreiben. Es ist so, als ob ich an einem bestimmten Punkt zu genau dem zurückgekehrt wäre, was mir bereits als Kind gefiel: mir meine eigenen Welten vorzustellen und Geschichten zu erfinden. Jede künstlerische Suche beinhaltet Persönlichkeiten einer nicht perfekt definierten Story – mit Titeln, die Momente ausdrücken und zu Kapiteln werden. Insofern erzählen meine Arbeiten von Forschern, Entdeckern und Hütern des Raumes, der Städte und der Wälder.“ Als Paradebeispiel dieses kreativen Gedankenspiels gilt eine Skulptur, die in der Südtiroler Kunstszene für großes Aufsehen gesorgt hat: ein 150 Kilogramm schwerer Astronaut aus Zedernholz, der auf einer Anhöhe im Naturpark Fanes-Sennes-Prags seine wahre Bestimmung gefunden hat. In ihm wird mit einer leichten Ironie die Suche nach dem Anderen, nach neuen Planeten und ferneren Orten aufgezeigt. Gleichzeitig manifestiert sich durch ihn die Bewunderung für die außerordentlichen Felsformationen dieses Hochplateaus, das mit ein wenig Fantasie an eine Mondlandschaft erinnert. Die Außenwelt spiegelt sich in der reflektierenden Blende des Astronauten wider. So spaltet sich die Wahrnehmung und verliert sich in der majestätischen Landschaft.

Was als etwas bizarre Idee geboren ist, entpuppt sich als erhabener Kontrast, immerhin ist Holz ein antikes, natürliches Material, das dazu genutzt wurde, um eine futuristische Vision zu verwirklichen, schließlich und endlich handelt es sich um einen Astronauten. Für De Martin Topranin war der Anblick seiner Schöpfung auf der Fane Alm ein Moment der Offenbarung: „Als ich den Astronauten dort oben sah, war ich selbst ein wenig gerührt. Von Anfang an stand er da als hätte er seine natürliche Umgebung gefunden. Das ist deshalb so wichtig, weil ich in meinen Arbeiten Menschen als Entdecker darstelle. Manchmal erkunden sie Wälder und manchmal, wie im Falle des Astronauten, den Planeten Fanes. Wir wissen nicht, ob er es ist, der unseren Planeten betritt und uns betrachtet oder ob wir gerade eine uns fremde Welt betreten. Beides ist möglich.“ Mittlerweile hat der Astronaut seinen privilegierten Standort verlassen. Erst kürzlich ist er in einer großen Privatkollektion eines italienischen Geschäftsmannes gelandet. Wer weiß, was es dort zu entdecken gibt? Eines ist gewiss: Er wird Spuren hinterlassen…zumindest im Auge des Betrachters.

„Ich liebe meinen Beruf, als Körperlichen Akt, aber auch als Futter für den Intellekt.“

Der Astronaut von Fabiano De Martin Topranin entstand im Rahmen des Internationalen Kunstwettbewerbs SMACH:

Credit: Gustav Willet

Der Astronaut von Fabiano De Martin Topranin auf der Fane Alm.

Miniatur-Astronaut der Serie „Space Days“ von De Martin Topranin.

„No direction home – chapter 2” aus der Serie „We are not the trees”.