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„Stark, aber nicht unsterblich“

Er gehört zu den jungen Wilden, zu einer neuen Generation von Südtiroler Alpinisten. Seine Abenteuer haben ihn nach Grönland, Patagonien, Indien, China und Alaska geführt. Trotzdem: Die Dolomiten würde Simon Gietl mit nichts auf der Welt tauschen wollen.

„Am Berg muss man schnelle Entscheidungen treffen.“

Beinahe schelmisch wirkt sein Lachen. Als säße da ein Lausbub, der soeben beschlossen hat, etwas Großes auszuhecken. In der Tat brütet der 33-Jährige aus Oberwielenbach bei Bruneck einen abenteuerlichen Plan aus: Nach der geglückten Expedition zum 6.543 Meter hohen Shivling im nordindischen Himalaya, hat Simon Gietl vor, gemeinsam mit dem deutschen Extrembergsteiger Thomas Huber (bekannt als einer der „Huberbuam“) eine Erstbesteigung in Pakistan zu wagen. Zu bezwingen gilt es den 7.145 großen Latok. Bereits über 30 Expeditionen sind am majestätischen Granitriesen gescheitert. Für Gietl kein Grund, es nicht zu versuchen. Reizvollen Herausforderungen begegnet er mit Enthusiasmus, den Bergen mit Ehrfurcht und Respekt. Sein Motto lautet „Fühl dich stark, aber nicht unsterblich“ und danach handelt er auch: „Für mich persönlich ist es wichtig zu wissen, was ich kann, aber noch viel wichtiger, was ich nicht kann. Ich habe kein Problem, Schwächen einzugestehen. Damit gehe ich ganz offen um.“ In besonders brenzligen Situationen vertraut er auf seinen natürlichen Instinkt, der ihn bisher noch nie in Stich gelassen hat.

„Der Kopf lässt sich gerne steuern, aber das Bauchgefühl kann man nicht belügen. Wenn es mir sagt, umzudrehen, dann war’s das. Im Normalfall hat man nämlich keine Zeit, einen Kaffee zu trinken und darüber nachzudenken, am Berg muss man schnelle Entscheidungen treffen.“ Dies geschieht nicht nur seinetwillen, sondern auch aus Verantwortung seiner Partnerin und seinen Kindern gegenüber. „Bei meiner Familie und in den Bergen fühle ich mich verstanden. Sie sind meine natürliche Umgebung, mein Zuhause“, gesteht er. Als rastlos würde er sich nicht bezeichnen. „Wenn man nur von einem Abenteuer zum nächsten jagt, kann man das Erlebte gar nicht aufarbeiten… Diese Zeit nehme ich mir schon“, erklärt der junge Familienvater. Seine Söhne Iano und Iari, zwei und fünf Jahre alt, sind noch zu klein, um mit ihm auf Abenteuer zu gehen. Dass er eines Tages Seite an Seite mit ihnen klettern wird, ist für ihn nicht ausgeschlossen. „Ich kann es mir gut vorstellen und es wäre sicher schön. Am glücklichsten würde es mich aber machen, wenn sie schlicht und einfach ihren Platz in der Welt finden und eine Leidenschaft für etwas entwickeln.“ Seine eigene Passion lebt er mit Seilgefährten aus, die er als Freunde bezeichnet, wie etwa Andrea Oberbacher, Vittorio Messini oder Roger Schäli. Zu ihnen, wie auch zum Alpinismus selbst, pflegt er eine besondere Beziehung: „Eine Expedition ist wie eine große Pyramide: Der Gipfel ist nur die Spitze, dort ist man lediglich für kurze Zeit. Er ist das i-Tüpfelchen, könnte man sagen. Alles andere, die Freundschaft, die extremen Situationen und intensiven Momente, die man teilt, genauso wie die Menschen und Kulturen, denen man begegnet, machen eine wahre Expedition aus. Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst und wie von selbst zusammenschweißen. Am Ende muss man sagen können: Wir hatten eine geile Zeit, auch wenn wir das Ziel nicht erreicht haben.“

„Der Kopf lässt sich gerne steuern, aber das Bauchgefühl kann man nicht belügen.“

Zwei Mal im Jahr für jeweils vier bis sechs Wochen begibt sich Gietl auf Expedition. Den Rest der Zeit verbringt er Zuhause in Südtirol, wo er als Bergführer tätig ist, aber auch mit Erstbegehungen und Touren im UNESCO Weltnaturerbe die Kletterwelt begeistert. Und obwohl er Felsgiganten in Grönland, China und Patagonien bezwungen hat, würde er die Dolomiten nicht missen wollen. „Ich habe viele Berge auf dieser Welt gesehen, aber ich bleibe ein großer Dolomiten-Fan. Was gibt es Schöneres als von der eigenen Haustür direkt in die Natur zu starten? Das ist doch der Wahnsinn! Ich bin zwar gerne in etwas steileren Wänden unterwegs, das gemütliche Wandern macht mich aber genauso glücklich. Schließlich braucht es ein Gleichgewicht. Darüber hinaus ist immer Abwechslung gegeben. Auch wenn ich fünf Mal die Woche auf die Große Zinne gehe, es wird einfach nie langweilig“, sprudelt es aus ihm heraus.
Beruf und Berufung sind für ihn als Lebemensch dasselbe. Nicht ohne Grund hat er ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen: „Wenn ich es schaffe alt zu werden, habe ich alles erreicht. Sollte dann noch etwas auf der Abenteuerliste stehen, ist das völlig egal!“

SIMON GIETL

aus Oberwielenbach bei Bruneck ist geprüfter Bergführer und Alpinist. Der zweifache Vater lebt mit seiner Freundin Sandra in Luttach und zählt zu den herausragendsten jungen Gipfelstürmern. 2016 wurde er mit dem „Grignetta d’Oro“ zum besten Alpinisten Italiens gekürt, 2010 erhielt er die „Silla Ghedina Apollonio Menardi“-Auszeichnung. Seine Expeditionen fuührten ihn bereits nach Grönland, Patagonien, Indien, China und Alaska. Darüber hinaus ist er bekannt für seine Erstbegehungen im Alpen- und Dolomitenraum.

 

Lesertipp: Wer möchte, kann Simon Gietl bei spannenden Kletter- und Bergtouren in den Dolomiten begleiten!
info@simongietl.it
Tel. +39 347 4474950