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Pioniere der Lüfte

Mit einem herzlichen und ruhigen „Bon dí!“ werden wir in Pontives, am Eingang des Grödentals, von den Mitarbeitern des Aiut Alpin Dolomites (AAD) begrüßt. Hier sind die Berg- und Flugretter zuhause, die im Dolomiten-Gebiet spektakuläre Einsätze durchführen, um Menschen in Not zu retten. Der Präsident des AAD und Bergführer Adam Holzknecht, 51, sowie der jahrzehntelange technische Leiter und AAD-Gründungsmitglied Raffael Kostner, 66, fliegen als Windenmänner jederzeit mit. Wir haben mit den beiden über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Luftrettung in Südtirol gesprochen.

Herr Kostner, Sie sind Gründungsmitglied des Aiut Alpin. Was war der ausschlaggebende Grund für die Einführung einer Flugrettungsstaffel in Südtirol?
Kostner:
Als wir in den 70er Jahren angefangen haben, mit dem Militär Einsätze zu fliegen, habe ich die Piloten angehimmelt. Das war ein enormer Fortschritt für die damalige Zeit, weil wir noch überall zu Fuß in die Berge mussten und dabei verging oft wertvolle Zeit. Es gab mehrere ausschlaggebende Momente, aber an einen erinnere ich mich noch gut: Ein Medizinstudent flog mit und wir hatten nicht die richtige Ausrüstung. Als er einem Patienten den Sauerstoffschlauch in die Nase stecken musste, weil keine Maske da war und die Sauerstoffflasche dann auch noch leer war, da habe ich gesagt: ‚So geht’s nicht weiter!‘
Dem Militär hat es an Befugnissen sowie an Technik gefehlt und Bergsteigerkollegen sind auch an unserer Ineffizienz gestorben.

Was hat sich seitdem verändert?
Holzknecht:
Inzwischen finden das ganze Jahr Übungen statt und wir haben eine durchschnittliche Einsatzdauer von ca. 1 Stunde. Das läuft dann so ab: Start in der Basis in Pontives, ab zum Einsatzort, der Windenmann lässt den Flugretter und evtl. den Arzt hinunter zum Verletzen, danach fliegen alle zum nächstgelegenen Krankenhaus und wir kehren zurück zum Stützpunkt.

Bei einem Einsatz muss jeder Handgriff sitzen.

Wie setzt sich die Besatzung zusammen?
Holzknecht:
Wir haben einen Piloten, einen Anästhesisten, einen Bergführer als Windenmann und einen Bergretter mit Flugrettungsausbildung dabei. Noch dazu steht im Winter ein Hundeführer mit seinem Lawinenhund in der Basis bereit.

Alle Mitglieder der Bergrettung arbeiten auf ehrenamtlicher Basis. Ist es mühsam Freiwillige zu finden?
Holzknecht:
Wir haben eigentlich gar kein Problem, Freiwillige zu finden, im Gegenteil: Es gibt derzeit zu viele Leute, aber zu wenig Diensttage. Es ist daher für die weniger Erfahrenen schwer, Praxis zu sammeln.
Kostner: Hinzuzufügen ist, dass wir seit jeher Verfechter der Ehrenamtlichkeit sind. Aber wir müssen einen Kompromiss zwischen Ehrenamtlichkeit und Professionalität finden.
Holzknecht: Zur Erklärung: Die Bergretter arbeiten alle ehrenamtlich. Die Piloten, Windenmänner und auch die Ärzte werden vom Aiut Alpin Dolomites bezahlt.

Wie sieht der Dienstplan der Besatzung aus?
Kostner: Unser Dienst geht von 8 bis 20 Uhr. Im Rahmen von Nachtflügen können wir im Sommer notfalls auch später fliegen und im Winter garantieren, dass wir bis 20 Uhr im Einsatz sind. Während der Skisaison im Winter den Tag zu verlängern und Einsätze im Dunkeln fliegen zu können, das war unser Ziel.

Die nächtlichen Rettungseinsätze sind bekanntlich erst seit 2017 möglich. Ist hierfür eine Spezialausbildung notwendig?
Kostner: Wir haben unsere Piloten und Windenmänner in die Schweiz geschickt, um Nachtflug-Einsätze zu üben. Die Air Zermatt hat uns mit ihrer langjährigen Expertise sehr weitergeholfen. Die REGA (Schweizerische Rettungsflugwacht) macht bereits seit 27 Jahren Nachtflüge. Die Österreicher haben gleichzeitig mit uns angefangen. Wir Südtiroler sind somit die Ersten in Italien, und gleichzeitig die Letzten in Europa (lacht).

Kostner:“Wir haben Sachen am Berg gemacht, von denen andere träumen.“

Können Sie uns die Arbeit mit den Nachtsichtgeräten erklären?
Holzknecht:
Dank der Nachtsichtgeräte brauchen wir keine beleuchteten Landeplätze mehr. Wir haben unsere eigenen Scheinwerfer. Bei Start und Landung werden die Geräte abgenommen, wir benötigen sie nur für den Hin- und Rückflug.
Kostner: Viele kennen nur die alten Geräte, die bei Licht von außen stark geblendet wurden. Mit unseren modernen Geräten geht das gar nicht und wir sehen alles in Schwarz-Weiß – das ist ganz bärig!

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern und -provinzen?
Holzknecht: Mit dem ÖAMTC (Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touringclub) haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Wir organisieren seit über 20 Jahren Dreiländer-Treffen mit Südtirol, Tirol und Graubünden. Diese Treffen möchten wir in Zukunft auch mit Trentino und Belluno abhalten, da wir mit ihnen öfters zusammenarbeiten.

Worin bestehen die Herausforderungen bei Einsätzen im Winter?
Holzknecht:
Das Landen ist auf jeden Fall schwieriger, vor allem bei leichtem Schneefall oder bei bedecktem Himmel. Zudem besteht die Gefahr von einem „Whiteout“. Dabei wird beim Landeanflug so viel Schnee aufgewirbelt, dass der Pilot jede Orientierung verliert. Passiert das einem Heli, ist ein Absturz fast unausweichlich. Deshalb muss beim Start und bei der Landung im frisch gefallenen Schnee höllisch aufgepasst werden.

Wenn Sie an Ihre bisherigen Einsätze denken: Welcher war der schwerste?
Kostner:
Die meisten sind Routine geworden. Zwischendurch kommen wir auch an die Grenze des Machbaren. Meistens ist das Wetter das Problem. Deshalb ist es so wichtig, erfahrene Leute dabei zu haben und Erfahrungen weiterzugeben. Das geht nur, wenn die Besatzung immer vermischt wird: z. B. ein junger Windenmann gemeinsam mit einem erfahrenen Piloten. Alle müssen lernbereit sein.

Ihre Tätigkeit hat sehr viel mit Risiko zu tun. Wie gehen Sie selbst und Ihre Familien damit um?
Kostner:
Meine Frau hat mich immer in meiner Arbeit unterstützt. Aber anders geht es auch nicht, das ist so wie in jedem anderen Beruf!
Holzknecht: Auch bei mir ist es so. Meine Frau hat mir immer den Rücken gestärkt.

Auch in luftigen Höhen muss ein kühler Kopf bewahrt werden.

Haben Ihre Familien nicht auch Angst um Sie?
Holzknecht:
Ach, Angst kann man heute immer und vor fast allem haben!
Kostner: Ja! Man muss nur schlau sein und die kniffligen und gefährlichen Einsätze zuhause nicht erzählen (lacht)! Vor ein paar Jahren drehten wir eine Doku mit dem ORF über die Bergrettung in den Dolomiten. Nach den Dreharbeiten sagte der Filmemacher zu mir: ‚Wenn ich du wäre, würde ich meiner Frau nicht erzählen, was ihr für Sachen in den Bergen anstellt!‘

Können Sie abends nach einem schweren Einsatz einfach abschalten?
Kostner:
Nach einem schweren Einsatz folgt immer wieder der nächste … Da kommt man gar nicht dazu, lange nachzudenken. Es geht immer weiter!
Holzknecht: Die Menschen, die man aus einer Notsituation rettet, die wieder lachen können, wenn wir sie mit dem Heli abholen, sind diejenigen, die einem Kraft schenken!

Sind das die schönen Momente Ihres Berufes?
Kostner:
Genau! Es gibt viele Einsätze, die einem sehr viel Genugtuung schenken. Wenn man Kinder oder Bekannte rettet – das ist einfach bärig! Das macht es leichter, weiterzumachen …