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Im Rausch der Geschwindigkeit

Mit sechs Jahren stand er zum ersten Mal auf dem Snowboard. Heute gehört Omar Visintin zu den besten Boardercrossern der Welt. Der 31-Jährige ist ein Allround-Talent, das Geschwindigkeit, Fahrtechnik und Freestyle in gleichem Maße beherrscht. Beste Voraussetzungen für eine Disziplin, bei der sich die Fahrer eine heiße Verfolgungsjagd mit gewagten Überholmanövern über Wellen und Steilkurven liefern. Boardercross ist das Gegenteil von spießig. Wer hier vorne mitfahren möchte, braucht starke Nerven. Und die hat sich Visintin mit den Jahren angeeignet: „Natürlich ist man nervös. Bei so einem Rennen hat man nicht viel Zeit, um besser zu sein als die anderen. Früher war ich aber viel aufgeregter als heute.“ Das Lampenfieber vor einem Rennen gehöre nach wie vor dazu. Mittlerweile könne er dieses Gefühl aber sogar genießen. „Das Herz schlägt, der Puls ist hoch, Adrenalin wird ausgeschüttet, alles kribbelt. Das kann auch sehr schön sein, besonders wenn das Rennen gut läuft und man am Ende als erster im Ziel ist. Dann macht sich die ganze Aufregung, das harte Training und der Stress, der damit verbunden ist, bezahlt“, erklärt Visintin. Und doch spürt er den Druck, der mit dem Leistungssport einhergeht: „Man muss Ergebnisse liefern, sonst ist man weg vom Fenster.“ Visintin hat diesem Druck standgehalten. Im zurückliegenden Winter hat der Sportsoldat des italienischen Heeres, der in der Saison 2013/14 den Gesamtweltcup mit nach Hause holte, wieder eine konstante Leistung erbracht. Jedes zweite Rennen stand er am Podium. Das Ergebnis: Dritter im Gesamtweltcup. Auch dieses Jahr möchte er wieder zu den Top-3 gehören und noch dazu bei der WM in Peking abräumen. „Grundsätzlich schaue ich von Rennen zu Rennen, aber ich will auf jeden Fall wieder ganz vorne mitfahren und kämpfen“, betont Visintin. Kriegsrhetorik im Leistungssport ist keine Seltenheit. Athlet zu sein, ist ein harter Job, der sehr viel Disziplin erfordert und an Körper und Psyche gleichermaßen zehrt. „Klar, im Winter bin ich immer etwas nervöser und reizbarer, man steht ständig unter Stress. Was mir aber gut gelingt, ist nach dem Rennen abzuschalten. Wenn es mal schlecht läuft, dann rege ich mich manchmal darüber auf, kann die Niederlage aber auch gut wegstecken und das Geschehene abhaken, indem ich einfach ein neues Kapitel aufschlage und mich auf das nächste Rennen konzentriere.“

Spitzenathlet Omar Visintin (31)

Während viele ihren Arbeitsalltag im Büro hinter dem Bildschirm eines PCs verbringen, spielt sich Visintins Routine beim Trockentraining im Fitnessstudio oder auf der Piste ab. Zwei Trainingseinheiten am Tag, fünf Mal die Woche. Entweder allein oder gemeinsam mit dem Trainerstab und den Kollegen vom italienischen Nationalteam. Das erfordert Selbstdisziplin und Willenskraft. „Man muss ständig an sich selbst arbeiten, aber ich habe auch Spaß dabei. Mir gefällt das Leben, das ich führe“, betont Visintin. Hinzu kommt das viele Reisen. Während der Weltcup-Saison führt er ein Leben aus dem Koffer und fliegt zu den schönsten Skigebieten der Welt. Heute noch in Frankreich, eine Woche später in Kanada. Was spannend klingt, kann manchmal ganz schön ermüdend sein: „Das ist körperlich sehr anstrengend, vor allem wenn man unter dem Jetlag leidet. Man hat nicht viel Zeit, um sich zu akklimatisieren und muss schnell wieder die volle Leistung erbringen. Meistens sehe ich von diesen wunderschönen Orten nur die Skipiste, aber ab und zu gönne ich mir eine kurze Sightseeing-Tour. Im Hinterkopf ist da aber immer das anstehende Rennen …“

Hetzjagd auf dem Schnee

Kopf an Kopf. Oder besser noch: Brett an Brett. So gestalten sich die Hetzjagden auf dem Schnee, bei denen Visintin versucht, seine Konkurrenten im Geschwindigkeitsrausch auszustechen. Im Parcours ist volle Konzentration gefragt. Als Routinier verlässt sich Visintin vor allem auf seine Instinkte. „Klar, beim Boardercross ist man von seinen Gegnern umgeben. Wer ganz vorne ist, riskiert überholt zu werden. Wer hinten ist, muss die ideale Chance nutzen, um zu überholen. Und auch mittendrin ist es nicht einfach. Man kann nicht immer alles kontrollieren und muss doch in Millisekunden eine Entscheidung treffen. Mittlerweile handle ich rein intuitiv und reflexartig.“ Dabei bewegt sich Visintin immer am Limit. Das kann gefährlich sein. Immer wieder kommt es beim Boardercross zu schweren Stürzen und Verletzungen. Bisher hatte Visintin aber Glück. In seiner zehnjährigen Weltcup-Karriere musste er nur drei Rennen verletzungsbedingt sausen lassen. Bis auf einen gebrochenen Arm und einigen wenigen Gehirnerschütterungen kam er ungeschoren davon.

Eine Sportkarriere als Überflieger

Den Zuschauern bietet Boardercross spannende Kopf-an-Kopf-Rennen. Trotzdem steht die Disziplin immer noch im Schatten von Ski Alpin oder Biathlon. Dort fließen die meisten Sponsoren- und TV-Übertragungsgelder. Gerade beim jungen Publikum sorgen die Verfolgungsjagden auf dem Schnee für Begeisterung und doch ist Boardercross nach wie vor eine Nischendisziplin. Visintin sieht es gelassen: „Es ist schade, aber die Disziplin gewinnt an Bekanntheit und diejenigen, die sich dafür begeistern können, verfolgen den Sport auch. Fest steht: Egal, ob ein Rennen im Fernsehen übertragen wird oder nicht, ich muss trotzdem gut fahren“, kontert er mit einem Lächeln. Vor Ort werde es in dieser Weltcup-Saison coronabedingt ohnehin nicht viele Zuschauer geben, mutmaßt Visintin. Doch auch ohne Fan-Gejubel will er „Vollgas geben“. Seine Karriere möchte er so richtig auskosten – im Idealfall weitere zehn Jahre, vorausgesetzt der Körper spielt mit und der Spaß am Fahren sei noch da. An die Zeit nach dem Leistungssport verschwendet er derzeit nicht allzu viele Gedanken. „Nachwuchsarbeit wäre schön, aber erst wenn ich meine Ziele erreicht habe. Irgendwo werde ich dann schon meinen Platz finden, da bin ich mir sicher.“ Und bis dahin nimmt er gerne seinen heißumkämpften Platz auf dem Siegertreppchen ein.