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Ein Leben voller Ups & Downs

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah?“ Was Goethe bereits vor fast 200 Jahren erkannt hat, erfuhr Markus Eder erst im Laufe seiner Karriere. Der Profi-Freerider aus Bruneck ist nämlich ständig auf der Suche nach den besten Spots, obwohl er mit der Zeit gelernt hat, auch das zu schätzen, was vor seiner Haustür liegt.

Gut gelaunt sitzt er vor der Hütte eines Kumpels in Hossegor, im Westen Frankreichs. „Wir surfen hier ein bisschen, skaten und machen ein wenig Party!“, erzählt er ganz locker im breiten Ahrntaler Dialekt. Dabei zeichnet sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht ab. Die Haare strubbelig, sitzt er da und plaudert munter drauflos. Er genießt die Zeit, bevor die Saison Ende Oktober losgeht. Ihm gefällt das „Nomadendasein“, das sein Leben als Profi-Freerider mit sich bringt. „Aber nach der Saison bin ich schon froh, wenn ich eine Zeit lang zuhause sein kann“, gesteht er. Mit Zuhause meint er aber nicht Bruneck, wo er wohnt, sondern das „Toule“, so nennen die Einheimischen das Ahrntal.

Seine Lockerheit scheint ein Ausgleich zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Mensch eine kerzengerade Bergwand hinunterfährt, sich dabei Gletscherspalten und manchmal auch Lawinen stellen muss und noch dazu Tricks vollführt. Er hat gelernt, den Berg zu „lesen“ und die beste sowie die sicherste Line zu finden. Mit körperlichem Training allein kann man beim Freeriden nicht vorne mitfahren. Es sind die jahrelange Erfahrung und die Errungenschaften, die ihn so weit gebracht haben.

Zu Beginn der Trainingssaison zieht es den jungen Ahrntaler in die Snowparks auf den Gletschern. Er hat als Freestyler angefangen und ist jetzt „95 Prozent Freerider“, rechnet er laut vor. „Ich mache mega gern Tricks beim Skifahren – sowohl bei der Freeride World Tour, als auch beim Drehen von Filmen.“
Für Markus gibt es nicht den einen Ort, wo man am besten Freeriden kann – obwohl die Alpen, speziell der Klausberg, seiner Meinung nach schon ziemlich nah rankommen. „In den Alpen kann man das ganze Jahr über Skifahren, die Gletscher sind immer zugänglich und es gibt coole Snowparks. Man kommt überall hoch und es ist erschwinglich.“ Er erklärt, dass in Ländern wie Kanada so ziemlich jeder ein Freerider ist und der Tiefschnee daher bereits früh morgens „zerfahren“ ist. Deshalb müssen schon der Heli oder der Motorschlitten her, um zu den besten Spots zu gelangen.

Während andere den ganzen Tag im Büro verbringen und dort ihre Zeit absitzen, nennt Markus den Berg seinen Arbeitsplatz. Für viele klingt das wie ein wahrgewordener Traum: draußen sein, immer an den schönsten Orten der Welt und mit dem, was einem am meisten Spaß macht, auch noch Geld verdienen. Markus kommt ins Schwärmen, wenn er von seinem Job spricht. Trotzdem: Angesprochen auf die möglichen Gefahren, auf die er tagtäglich trifft, wird er nachdenklich. Plötzlich wird der lockere Freerider philosophisch ernst: „Es ist nicht unbedingt Angst, eher Respekt“, gesteht er und kommt kurz ins Stocken, ehe er wieder fortfährt: „Wenn du Angst hast, ist es besser, du fährst nicht den Berg runter. Respekt und Angst sind ziemlich ähnliche Gefühle, aber durch den Respekt analysiert man alles, was passieren kann und durchleuchtet die ganze Situation viel mehr. Man geht die Einzelschritte viel öfter durch und denkt an jede Gefahr, die lauern könnte. Angst lässt uns nicht unbedingt rational denken. Ich habe sehr viel Respekt, und das gibt mir einen ähnlichen Adrenalinrush wie die Angst.“

Unverhofft kommt oft

Skifahren war schon immer die Leidenschaft des 28-Jährigen aus dem Ahrntal. Selbstbewusst erklärt er: „Meine Vielfältigkeit macht mich aus. Ich kann Contests machen, Freestyle, Rails, Backcountry Kicker oder auch Big Lines. Ich bin nicht wegen des Freeridens Profi, sondern wegen des Gesamtbildes. Was mich speziell macht, ist, dass ich ein guter Allrounder bin.“
Aber bevor er anfing, Berggipfel hochzuklettern und mit Skiern runterzurauschen, war er ein typischer Skirennläufer. Irgendwann hatte er es satt, nur das machen zu dürfen, was ihm sein Trainer sagte: „Man wurde fertiggemacht, wenn etwas nicht perfekt war“, erinnert sich Markus. Deshalb hat er mit 14 einfach alles hingeschmissen. Durch die Snowboard-Crew, mit der er zuhause abhing, kam er dann zum Freestylen. Es folgten Contests weltweit und schließlich eine überraschende Anfrage – mit Folgen: „2011 wurde ich zu meinem ersten Freeride Contest eingeladen. Da hatte ich überhaupt keine Ahnung vom Powdern. Das war das erste Jahr, in dem ich breite Skier bekommen habe und da hat alles angefangen. Das war der Red Bull Linecatcher in Vars, Frankreich. Ich wollte eigentlich gar nicht hingehen. Ich dachte mir: Da sind meine ganzen Vorbilder – was soll ich da mitfahren, das bringt ja sowieso nichts und ich bin ja noch nie Powder gefahren! Anschließend habe ich viel im Tiefschnee trainiert und mich eigentlich fit gefühlt, aber trotzdem nicht so richtig dran geglaubt. Schlussendlich bin ich Zweiter geworden. Durch dieses Ergebnis ist Red Bull auf mich aufmerksam geworden. Heute kommt mir vor, dass das, was ich tue, Destiny ist.“ Der deutsche Ausdruck fällt ihm nicht ein. Allzu gut beherrscht er mittlerweile den hippen „Freerider-Slang“. Dazu gehört der Gebrauch zahlreicher Anglizismen, die in der Branche einfach dazugehören und so manchen Neuling in der Szene dumm aus der Wäsche schauen lassen.

“Ich muss meinen Weg selbst finden.”

Zum sportlichen Erfolg gehört häufig auch das Gefühl, unter Druck zu stehen. „Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt. Es braucht ständig neue Ideen und man muss immer etwas Interessantes machen. Keiner gibt einem die Richtung vor. Ich muss meinen Weg selbst finden und Entscheidungen treffen, bei denen ich mir am Anfang unsicher bin. Und deswegen mache ich mir persönlich sehr viel Druck. Ich genieße es aber trotzdem.“ (lacht)

Markus verbindet alles mit Spaß. Deshalb trainiert er auch nicht wie andere ganz klassisch im Fitnessstudio, sondern hält sich lieber fit mit Rad fahren, klettern, skaten oder Trampolin springen. Körperliches Training allein reicht aber auch in diesem Sport nicht aus, vor allem mentale Stärke ist ein wichtiger Faktor. „Bei der Freeride World Tour z. B. gibt es keine Probefahrten. Man studiert den Berg vorher und hat dann eine einzige Fahrt. Daher können sich sehr leicht Fehler einschleichen. Ein Trick, den man sonst perfekt kann, geht schief, weil die Schneebedingungen falsch eingeschätzt wurden oder man fährt auf einen Stein, wo man gar nicht denkt, dass einer ist. Die Anstrengungen im Vorfeld einer solchen Tour sind extrem. Wenn dann alles gut läuft, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.“ Leicht schmunzelnd fügt er in seinem Freerider-Slang hinzu: „Die Ups sind mehr up, aber die Downs sind brutal down.“

Er ist sich trotzdem sicher, dass er seinen Traum lebt. „Das Leben zurzeit ist richtig geil und ich hoffe, es bleibt so. Man kann nie sagen, wie lange es anhält. Eine Verletzung reicht und schnell wird die ganze Karriere über den Haufen geworfen. Ich will es so lange und sicher wie möglich machen, aber ja: Jetzt gerade ist es schon der Traum.“

 

Seiner Zukunft blickt er voller Zuversicht entgegen, immerhin weiß er genau, was er will: „Ich möchte noch mal zum Mount Ushba in Georgien zurückkehren. Dort habe ich zusammen mit zwei Kumpels vor einem Jahr einen First Descent auf Skiern probiert, wir sind aber gescheitert. Inzwischen haben es andere geschafft, trotzdem möchte ich noch einmal zurück.“ Mit der Erfüllung seines Traums wird er noch warten müssen. Jetzt liegt erst mal die Freeride World Tour im Vordergrund. Aber wer weiß, was als Nächstes kommt? Markus liebt das Spontane. Das Schicksal hat ihn mit auf einen wilden Roadtrip genommen und wer den spitzbübischen Ahrntaler mal getroffen hat, der merkt sofort, dass er diesen „Ride“ ziemlich genießt.

Markus Eder (28)

… ist professioneller Freerider. Zu seinen größten Erfolgen zählen ein 1. Platz bei den Nine Knights 2011 und ein 2. Platz beim Red Bull Linecatcher – zwei Leistungen, die ihn buchstäblich auf die Profi-Leiter schubsten. 2014 wurde er bei den Olympischen Spielen in Sotchi 15. und 2017 Gesamtzweiter auf der Freeride World Tour. Neben Contests dreht er auch Filme, wie z. B. „Days of my youth“ und „Drop everything“.