preloder

Der Figurenformer

Jeans und zum Pferdeschwanz gebundene Haare. Manuel Tschager wirkt wie ein ewig Junggebliebener: geradlinig und direkt. Genau so, wie seine Kunst.

„Den eigenen Stil zu finden, ist ein Kampf. Es ist, wie wenn man einer Frucht beim Reifen zusieht…“

Während er von sich und seiner Bildhauerei spricht, gestikuliert er – als ob er den Worten Leben einhauchen möchte, so wie er es mit seinen Skulpturen macht. „Ich stamme aus Welschnofen, mein Zuhause war sozusagen der Wald“, beginnt er, zu erzählen. „Es gefiel mir, in der Natur zu sein, und ich bin es auch heute noch gerne. Nicht ohne Grund gehe ich selbst auf die Suche nach den besten Hölzern für meine Kunstwerke.“ Als Sohn von Arthur Tschager, Kaufmann und Besitzer der gleichnamigen Kunstgalerie in den Bozner Lauben, wuchs Manuel mit den Bildhauern auf, die in der Werkstatt seines Vaters beschäftigt waren. „Ihre Arbeiten haben mich geprägt. Mit fünf Jahren habe ich begonnen, Enten und Zwerge zu schnitzen. Damals beschloss ich, mein Leben der Bildhauerei zu widmen“, so Tschager. Nach zwei Jahren an der Kunstschule im Ahrntal und weiteren sechs in Gröden, lernte er seinen Mentor kennen, den Künstler Giovanni Pitschiler:„In Wahrheit sind wir uns schon früher begegnet, weil er einen Sommer lang bei meinem Vater arbeitete. Als ich mein Studium beendet hatte, trafen wir uns wieder und er nahm mich als seinen Schüler auf. Ich habe in seinem Haus gewohnt, wie die Lehrlinge von früher. So wurden aus zwölf Monaten Praktikum sieben Jahre“, verrät er mit einem Lächeln. „Es war eine wichtige Erfahrung, die mir geholfen hat, zu wachsen, und noch immer verbindet uns eine tiefe Freundschaft – trotz 19 Jahre Altersunterschied. Mehrmals haben wir gemeinsam unsere Werke ausgestellt und noch heute kommt es vor, dass wir uns bis vier Uhr morgens gemeinsam unterhalten.“

„Das Material Holz ist das Sprachrohr meiner selbst und die Technik, die ich verwende, ist der Art, wie ich mich zu erkennen gebe.“

Religiöse Sujets im gotischen und barocken Stil sowie spindeldürre weibliche Figuren: Manuels künstlerische Arbeit ist im ständigen Wandel. Nicht ohne Grund: „Religiöse Skulpturen allein zu schaffen, hat mich nicht mehr zufriedengestellt. Ich wollte Skulpturen fertigen, die mehr meiner Gefühlswelt entsprachen. So habe ich vor sieben Jahren begonnen, an weiblichen Figuren zu arbeiten. Den eigenen Stil zu finden, ist ein Kampf. Es ist, wie wenn man einer Frucht beim Reifen zusieht… Das Material Holz ist das Sprachrohr meiner selbst und die Technik, die ich verwende, die Art, wie ich mich zu erkennen gebe. Es gibt Künstler, die sich mit dem Erreichten zufriedengeben und andere, die, wie ich, mehr wollen – Konventionen sprengen und den eigenen Werken immer wieder einen neuen Charakter verleihen. Die Kunst muss mit der eigenen Sichtweise auf das Leben wachsen, und meine Skulpturen sind das Ergebnis dieses Prozesses. Aus diesem Grund entstehen meine Werke natürlich, völlig ohne Zwang.“ Eine Besonderheit seiner Frauenfiguren ist, dass die Gesichter keine Augen haben. Sein Ziel war es, dem Betrachter auf eine völlig neue Art Gefühle zu entlocken. „Die Augen sind die Quintessenz der Ausdruckskraft. Sie verraten, ob jemand glücklich, wütend oder traurig ist… und ich persönlich war daran interessiert, zu verstehen, ob es möglich ist, die Seele des Betrachters mit anderen Aspekten zu berühren. Jeder Mensch ist gezeichnet von Schönheit, Makel und Zerbrechlichkeit, die – so scheint es – in Widerspruch zueinander stehen. In Wahrheit machen sie die Natur des Menschen am besten greifbar. Mit meinen Frauenfiguren versuche ich, genau das zu vermitteln.” Hierfür ist auch das Material entscheidend. Bevorzugt verwendet er Zirbenholz: „Zu finden ist es auf einer Höhe von 1800 bis 2000 Metern. Was mich am meisten an diesem Holz begeistert, ist sein Harz und seine Maserung – so wie wir Menschen verfügt es über ‚Blut‘ und ‚Narben‘. Dies verleiht dem Material Charakter und somit auch dem Kunstwerk. Ich könnte auch Lindenholz verarbeiten, welches wesentlich klarer und sauberer ist, aber in der Zirbe sehe ich das Leben… eine erhabene Unvollkommenheit, die der Skulptur Authentizität und Lebendigkeit schenkt.“

„Was mich am meisten am Zirbenholz begeistert, ist sein Harz und seine Maserung – so wie wir Menschen verfügt es über „Blut“ und „Narben“.“

Tschagers Kunstwerke haben die Welt bereist, zahlreiche Gönner befinden sich in den Vereinigten Staaten. Doch auch hierzulande werden seine Arbeiten geschätzt. Vor einigen Jahren wurde ihm sogar die Ehre zuteil, eine seiner Madonnenfiguren mittels Bischof Egger an Papst Benedikt XVI zu übergeben. Obwohl er einer stark individuellen Arbeit nachgeht, ist Manuel kein Eigenbrötler. Stets gut gelaunt und für einen Scherz zu haben, liebt er es, in der Freizeit seinen Hobbies nachzugehen, insbesondere dem Sport: „Als Kind habe ich Fußball gespielt, und auch heute noch nehme ich ab und zu an einem Spiel teil. Hockey finde ich genauso spannend, aber am liebsten gehe ich fischen. Erst kürzlich war ich gemeinsam mit einigen Bekannten zum Angeln in Kanada. Darüber hinaus schätze ich die gute Gesellschaft von Freunden, sie ist für mich essenziell.“ Da hat er wohl vollkommen recht!