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Mensch und Maschine als Symbiose

Mit seinen futuristischen Skulpturen und Zeichnungen trifft Peter Senoner den Zeitgeist und überzeugt so auch in der internationalen Kunstszene.

Herr Senoner, Ihre Figuren – sei es in Form von Skulpturen als auch Zeichnungen – erinnern an Cyborgs, Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Was versuchen Sie damit zu vermitteln?
In meiner Arbeit geht es um ein Menschenbild, welches aus der Kunstgeschichte heraus in die Zukunft fortgeschrieben wird. Es geht um eine Verschmelzung und Durchdringung des Menschen mit modernen Technologien. Es geht um das Verwachsen des Menschen mit technologisch-organischen, nicht weiter definierbaren Formen. Das ist ein ganz aktuelles Thema in unserer Gesellschaft. Technologien prägen unseren Alltag und verändern auf lange Sicht auch unsere Genetik. Mich persönlich interessiert es, eine Formensprache zu entwickeln, die in der Skulptur oder in der Zeichnung genau dieses Phänomen aufgreift.

Bei den Kunstwerken von Peter Senoner geht es häufig um die Verschmelzung des Menschen mit modernen Technologien.

Wo glauben Sie führt uns dieser „Technik-Wahn“ hin, sprich was macht das mit uns Menschen?
Ich sehe das total wertfrei und glaube auch nicht daran, dass die Menschheit eines Tages durch die Technologie ausgelöscht wird – überhaupt nicht. Als das Automobil erfunden wurde, gab es Diskussionen, dass der Mensch eine Geschwindigkeit von über 25 km/h nicht überleben würde (lacht). Wenn wir heute darüber nachdenken, scheint das harmlos! Vielmehr geht es darum, wie wir mit neuen Technologien umgehen. Ich habe in Tokio gelebt und dort ist dieses Umarmen der Technologie natürlich extrem stark. Wir als Europäer sind da viel vorsichtiger, viel skeptischer und ängstlicher. Die Japaner leben das viel offener, haben einen anderen Zugang zur Technik und leben sie als Teil der Kultur. Es gibt kein „für und wider“, sondern ein „gemeinsam“. Ich selbst beobachte nur und versuche, eine künstlerisches Bild zu finden, das diese Verschmelzung von Mensch und Technik adäquat beschreibt.

Sie stammen selbst aus einer Bildhauer-Familie. War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie in Ihrem Leben einen künstlerischen Weg einschlagen würden?
Es war sehr bald klar, dass das meine Welt und mein Leben ist. Die Frage die sich mir eher stellte war: Wo finde ich meinen Platz? Was ist meine Sprache? Es ist viel schwieriger, seinen Platz im Jetzt zu finden, wenn man in einem Elternhaus inmitten von kunsthandwerklichen und historischen Skulpturen aufwächst. Das ist es aber, woran jeder Künstler täglich arbeitet – den eigenen Weg zu finden.

Die klassischen Heiligenfiguren waren also von Beginn an ein Tabu?
Ich hatte einfach andere Interessen und so hat sich auch meine Arbeit auf eine andere Art und Weise entwickelt. Ich habe in München an der Akademie der Bildende Künste studiert und anschließend drei Jahre lang in New York gelebt, bin dann nach Tokio, Wien, Berlin, Detroit und dann wieder zurück nach Südtirol. Der Ort ist ganz wichtig, er beeinflusst das Tun. Wenn ich nicht nach München und New York gegangen wäre, hätte sich meine Arbeit ganz anders entwickelt.

Von Südtirol in die Großstädte dieser Welt: Was haben Sie von diesen Erfahrungen im Ausland mitgenommen?
Grundsätzlich geht es nicht darum, ob man vom Land oder der Stadt kommt. Es geht darum, ob man die eigene Persönlichkeit stark genug entwickelt, um dort eine Sprache zu finden, die gehört wird. Das ist mir gelungen. Fest steht: Jeder Ortswechsel bringt neue Eindrücke und neue Herausforderungen, um sich zu behaupten – unabhängig davon, ob es sich um eine Metropole oder um eine Provinzstadt handelt. Diese Realitäten verschmelzen ja immer mehr. Es geht eher darum, sich als Künstler in eine Situation zu begeben, in der man fern jeder Routine ist – wo man das Bekannte und Bewährte immer wieder verlässt, um sich Neuem auszusetzen. Erst dadurch erschließen sich wirklich neue Wege. Man muss einfach die Komfortzone verlassen.

Warum dann die Entscheidung, nach Südtirol zurückzukehren?
Ich habe während meiner Zeit im Ausland immer mein Atelier in Südtirol behalten. Vor allem die Sommermonate habe ich in Klausen verbracht. Vor fünf Jahren circa stand dann die Überlegung im Raum, das Atelier permanent hierher zu verlegen. Die Gründe dafür: Südtirol hat sich verändert, wir sind viel mobiler und durch das Internet ist die internationale Anbindung in Echtzeit möglich. Darüber hinaus hat es auch damit zu tun, dass meine Arbeit aufwendiger und komplexer wurde und es zusehends eine Energieverschwendung war, zwei Ateliers zu halten. Bildhauer-Ateliers sind nämlich aufwendig, man braucht Raum, Werkzeuge, Infrastruktur … Ich wollte meine Energien bündeln und für mich hat sich Südtirol als der beste Ort erwiesen. Ich denke da an die wunderbare Kultur- und Naturlandschaft, die Nähe zu erstklassigen italienischen Bronzegießereien und die schnelle Anbindung an den deutschen und internationalen Kulturraum.

Wie entstehen Ihre Skulpturen?
Die Skulpturen werden sehr zeitaufwendig aus dem Material Holz herausgearbeitet, danach erfolgt der klassische, ebenso zeitaufwändige Bronzeguss. Meine Arbeit bewegt sich zwischen analogen und digitalen Werkprozessen. Jede einzelne Skulptur verlangt je nach Komplexität der Form ihre eigene Herangehensweise. Worum es allerdings wirklich geht, sind die Inhalte – die Aussage, die ich mit dem jeweiligen Werk treffen möchte. Welchen Weg ich beschreite, um zum Ergebnis, sprich zur fertigen Skulptur zu gelangen, ist relativ. Bei mir ist es ein Mix zwischen analogen, klassischen Vorgehensweisen und digitalen Experimenten am Computer. Natürlich gibt es auch eine Überschneidung der zwei Wege. Doch um einen Guss realisieren zu können, brauche ich einen Prototypen. Diese Form kann ich analog erstellen, aber auch digital. Es kommt auch immer auf die Komplexität der Form an sowie auf die Dimension. Es sind also mehrere Faktoren, die entscheiden, welchen Weg ich gehe und welche Tools ich letztendlich benutze.

Das Material Holz hat in der Südtiroler Bildhauerei eine große Tradition. Lange Zeit standen Sie diesem Material skeptisch gegenüber. Heute arbeiten Sie selbst damit …
Ich bin jetzt seit 25 Jahren freischaffend und es gibt natürlich immer wieder neue Materialien, mit denen ich experimentiere. Aus unterschiedlichen Gründen greife ich aber gerne auf Holz zurück, weil es ein irrsinnig toller Werkstoff ist, den man sehr präzise verarbeiten kann. Zudem hat sich seit einigen Jahren weltweit und so auch bei mir, ein Bewusstsein festgesetzt: Holz ist „plastic free“, es ist nachwachsend, ökologisch vertretbar und im Idealfall steht es für kurze Transportwege. Das sind die Hauptgründe, warum ich mit Holz arbeite, auch wenn andere Materialien im ersten Moment vielleicht der einfachere Weg wären. Bei meinem aktuellen Skulpturenprojekt für das Frauenhofer Institut in München habe ich mich aus genau diesen Überlegungen für eine monumentale Skulptur aus wiedergewonnenem Aluminium höchster Qualität entscheiden. Dieses „grüne“ Metall ist für den Ressourcenkreislauf bestens geeignet.. Speziell in einer alpiner Landschaft wie der unseren, die ökologisch sensibel ist, braucht es klare Entscheidungen für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung – auch in der Kunst.

Peter Senoner (*1970, Bozen)
lebt und arbeitet als freischaffender Künstler, Bildhauer und Zeichner in Klausen. Seine Werke stehen für die Verschmelzung und Durchdringung des Menschen mit modernen Technologien. Nach seiner Ausbildung als Meisterschüler bei Timm Ulrichs, Anthony Gormley und Asta Gröting an der Akademie der Bildenden Künste in München, arbeitete er in New York, Tokio, Wien und Berlin. Heute führt er sein Atelier in Klausen und lehrt Künstlerisches Zeichnen an der Freien Universität Bozen, Fakultät für Design und Künste.

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