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Die Spielzeugmacherin

Ein Leben für die Puppe

Es ist ein eiskalter Tag. Schneebedeckte Wälder zieren die Straße, die nach St. Ulrich führt. Der Anblick der Dolomiten am Horizont raubt mir den Atem und begleitet mich auf meinem Weg, während ich die letzten Kilometer bis zum Atelier von Judith Sotriffer hinter mich bringe. Ihr ist es zu verdanken, dass die traditionsreiche Grödner Holzpuppe nicht in Vergessenheit gerät.

Mit einem freundlichen Lächeln und einem festen Händedruck empfängt mich Judith in ihrer Werkstatt, wo sie sich mit ihrem Mann, Bildhauer Franz Canins, den Arbeitsplatz teilt. Kreatives Chaos prägt den Raum, in der Luft liegt angenehmer Zirbenduft. In den Haaren der Spielzeugmacherin erhasche ich winzige Holzspäne. Ein Hinweis dafür, dass ich eine Frau vor mir habe, die ihre Kunst mit Herzblut und vollem Einsatz lebt.

Judith Sotriffer (*1966) lebt und arbeitet in St. Ulrich in Gröden, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Künstler Franz Canins, ein Atelier teilt

Auf einem Tisch verstreut, liegen winzige Oberkörper, unzählige Skalpelle und Arme, die darauf warten zusammengesetzt zu werden. Daneben reparaturbedürftige Marionetten und kleine Behälter voll mit Farben in Pastelltönen. Letztere tragen dazu bei, den Figuren Leben einzuhauchen. In einem Regal, nicht unweit vom Tisch entfernt, stehen Schaukelpferde, stilisierte Häschen und Teufelchen, die sich zu den traditionellen Puppen gesellen. Judiths Blick wandert durch die Werkstatt und sie beginnt zu erzählen: „Die Passion für Spielzeug liegt mir im Blut. Mit 14 wusste ich bereits, dass ich Bildhauerin werden wollte. Mein Großvater Anton Sotriffer war der erste in der Familie, der sich der Herstellung von Holzspielzeug widmete, und noch heute führt meine Mutter ein Spielzeuggeschäft in der Fußgängerzone der Reziastraße in St. Ulrich. Mein Vater, der mittlerweile verstorben ist, hat mich immer gefördert und meine Ausbildung unterstützt.“

Judith wirkt wie eine sehr ehrliche und offene Frau, die stets mit voller Leidenschaft bei der Sache ist. Bestärkt wird dieser Eindruck von der Art, wie sie mit den Händen ihre Schöpfungen aus Holz liebkost und sie mit vollem Stolz präsentiert. „Früher hatte das Spielzeug noch einen pädagogischen Wert, der zum Glück wieder an Bedeutung gewinnt. Kinder wollen immer alles angreifen, sie wollen konkret fühlen und mit Objekten interagieren. Dabei schulen sie ihre feinmotorischen Fähigkeiten“, erklärt sie und ergänzt: „Mit Videospielen ist das nicht möglich. Sie mögen dabei helfen, andere Fähigkeiten zu entwickeln. Fragt sich nur welche…“ (lacht).

Jedes Spielzeug von Judith Sotriffer ist ein Einzelstück

Judith ist nicht nur die stolze Hüterin einer verloren geglaubten Spielwelt, sie kennt auch die Geschichte des Tales sehr gut, welche eng verknüpft ist mit dem Zirbenholz, welches früher in Gröden den Lebensunterhalt sicherte. „Seit über 400 Jahren verarbeiten wir hier im Tal unser Zirbenholz. Früher herrschte Armut. Die Familien waren nur reich an Kindern (lacht) und die Puppen wurden als ‚das Brot der Grödner‘ bezeichnet. Nicht ohne Grund: Bereits im 17. Jahrhundert verbreiteten Grödner Kunsthandwerker ihre Arbeiten in ganz Europa. Häufig waren es die Frauen, die die Puppen mit der Drehbank herstellten, während die Männer sie auf dem ganzen Kontinent zum Verkauf anboten. Das goldene Zeitalter des Holzspielzeugs war im 19. Jahrhundert. Mit der Verbreitung von Plastik und Pappmaché in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, war es dann vorbei mit dem Holzspielzeug.“ Dies hatte unter anderem auch den Konkurs der bekannten Firma Sevi zur Folge, die in den neunziger Jahren von der Spielwarenmarke Trudi aufgekauft wurde.

In Gröden blieb die Liebe zum Handwerk trotz allem tief verwurzelt und im Talent von Judith hat sie einen wertvollen Nährboden gefunden. Ihre Arbeiten werden in Mailand, München und in Bellinzona, in der Schweiz ausgestellt. Darüber hinaus ist sie in der Weihnachts- und Osterzeit auch immer mit einem Stand in ihrer Heimat St. Ulrich vertreten. Doch wie entstehen ihre faszinierenden Holzpuppen oder besser noch: Wie verhilft sie ihnen zu neuem Leben? „Zunächst sortiere ich die Holzblöcke, die ich für die Arbeit an der Drehbank brauche. Anschließend beginne ich mit dem Schnitzen: Zuerst realisiere ich den Oberkörper, dann die Hände und Beine. Zum Schluss füge ich die einzelnen Bestandteile zusammen und bemale sie.

„Mein Atelier ist ein Ort, wo Zeit keine Rolle spielt.“

Häufig verwende ich auch verschiedene Stoffe oder Wolle zur Dekoration.“ Judith legt großen Wert darauf, jene zu erwähnen, die sich vor ihr der Herstellung der Grödner Puppe widmeten. „Ohne ihre Arbeiten zu kennen und zu studieren, wäre all das nicht möglich gewesen. Ich selbst besitze eine private Sammlung, bestehend aus antikem Spielzeug, das mir als Inspiration dient.“ Objekte, die Jahrzehnte überdauert haben und deren Herstellung noch heute zeitgemäß ist. „Häufig werde ich gefragt, wie lange es dauert, eine meiner Puppen fertigzustellen, aber in Wahrheit achte ich nie darauf. Mein Atelier ist ein Ort, wo Zeit keine Rolle spielt. Ich weiß nur, dass ich morgens mit dem Schnitzen beginne und abends damit aufhöre. Immer wieder nehme ich die Puppen in die Hände und überarbeite sie. Je mehr ich mit ihnen in Kontakt bin, desto mehr wachsen sie mir ans Herz. Eine Puppe fertigzustellen, macht mir wirklich Freude.“

„Jede Holzpuppe ist einzigartig. Wer eine besitzt, dem gehört ein Stück weit auch das Herz des Handwerkers, der sie geschaffen hat.“

In der Tat scheint die Zeit in ihrem neonbeleuchteten Atelier völlig anders zu ticken. Hier geschieht alles wie in Zeitlupe. So langsam wird mir bewusst, dass der Moment gekommen ist, mich zu verabschieden, doch eine Frage liegt mir noch auf der Zunge. Ich möchte wissen, was ihr persönlich dieses Kunsthandwerk bedeutet. Ihre Antwort: „Jede Holzpuppe ist einzigartig, hat eine eigene Aura und löst Gefühle aus. Wer eine besitzt, dem gehört ein Stück weit auch das Herz des Handwerkers, der sie geschaffen hat.“ Danke Judith, besser hättest du dich nicht ausdrücken können.