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Die Alpen unter meinen Füßen

Eine Reise nach Südtirol. Drei Länder, über 120 Kilometer und fast 10.000 Höhenmeter. Der Fernwanderweg E5 ist eine Herausforderung und eine der schönsten Routen über die Alpen.

 

Reißende Bäche, steile Pfade, schroffe Gipfel – jeder Tag ist eine neue Herausforderung.

Ich wollte nach Südtirol. Zu Fuß. Meine Mutter kam als meine Wandergefährtin mit. Wir starteten in Oberstdorf, der südlichsten Gemeinde Deutschlands. Die erste Etappe führte uns durch das Trettlachtal hinauf in die Allgäuer Alpen. Mittagshitze, Ungewissheit und Schlüsselbeine, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Gewicht eines Rucksackes zu spüren schienen – dabei waren es dank minimalistischer Packliste höchstens acht Kilogramm!

Aber auch wunderschöne Landschaften, tiefgrüne Almwiesen und schroffe Berggipfel zählten zu den ersten Eindrücken dieser Tour. Pünktlich zu Beginn eines heftigen Gewitters kamen wir an unserem ersten Tagesziel, der Kemptner Hütte, an. In den kommenden Tagen folgten Sprünge über reißende Bäche, steile Pfade und Schneefelder, gute Gespräche und stundenlanges Schweigen. Bald schon hatten wir uns mit drei anderen Wanderern zu einer Gruppe zusammengeschlossen und stellten uns gemeinsam den Herausforderungen jeder neuen Etappe. So kamen wir nach fünf Tagen in Vent im Ötztal an und belohnten uns erstmal mit einem großen Eisbecher. „Und morgen gehen wir auf den Similaun!“ – „Wie? Ganz spontan? In einer Seilschaft auf den Gletscher? Auf 3.606 Meter?“ Etwas verunsichert gab ich den ambitionierten Plänen meiner Mutter nach. Eine Bergschule war schnell gefunden. Und so machten wir uns auf den Weg zur Martin- Busch-Hütte, um am nächsten Morgen nach weiteren 519 Höhenmetern auf der Similaun- Hütte auf Karl zu treffen, der uns mit Steigeisen und Klettergurten empfing. Es war ein traumhafter Tag, die Sonne schien. In einer langen Seilschaft stiegen wir Schritt für Schritt dem Gipfel des Similaun entgegen. Der eisüberzogene Berg markiert die Grenze zwischen Österreich und Italien. Und so erreichten wir Südtirol und sahen … nichts. Ausgerechnet als wir auf dem Gipfel ankamen, umschloss eine dichte Wolke den Berg und wir standen in tiefgrauem Nebel. Zurück auf der Similaun-Hütte zeigte sich die Sonne wieder am strahlend blauen Himmel. Wir stiegen 1.320 Höhenmeter in steilen Serpentinen hinab ins Schnalstal. Den Vernagt-Stausee hatten wir dabei stets im Blick. Das türkisblaue Wasser im Tal ist für die meisten Wanderer das Ziel der Alpenüberquerung. Sie fahren dann mit dem Bus nach Meran und denken zurück an schmerzende Knie und Blasen an den Füßen, pure Erschöpfung und all die großen und kleinen Freuden, die man zu Fuß gesammelt hat. Wir hingegen übernachteten in einem mehrere hundert Jahre alten Hof in Katharinaberg mit dicken, schiefen Wänden und steilen Treppen. Es war ein langer Tag, Müdigkeit und Stolz erfüllten uns gleichermaßen und wir feierten die gelungene Besteigung des Similaun mit einer Flasche Wein.

Der Meraner Höhenweg

Die Freiheit, die einem am Berg begegnet, zieht mich in ihren Bann.

Am nächsten Tag begaben wir uns nach einem ordentlichen Frühstück auf den Meraner Höhenweg. Die Vegetation, das Klima, die Landschaft hatten sich verändert: Wir waren südlich des Alpenhauptkammes, hatten Europas größtes Gebirge überschritten. Nach all den Kilometern fühlten sich die Beine schwer an, das Herz jedoch umso leichter. Traumhaft schön wanden sich die Pfade und Wege durch die blühenden Almwiesen an den Südhängen der Texelgruppe, vorbei an kleinen Kapellen und alten Höfen. In der Schlucht der 1.000 Stufen oberhalb von Naturns ging es erst steil bergab, vorbei an Wasserfällen und schattenspendenden Baumgruppen, und auf der anderen Seite wieder hinauf. Was ich an dieser Stelle erwähnen möchte: Insgesamt sind es keine 1.000, sondern lediglich 987 Stufen. Die haben mir aber gereicht! Anschließend führt der Weg mit wenig Höhenunterschied, aber spektakulärem Panoramablick über das Meraner Land bis nach Giggelberg, wo wir die letzte Nacht unserer Alpenüberquerung verbrachten.

Das größe Finale

Bis nach Meran ging meine Mutter nicht mehr, sie fuhr mit der Texelbahn ins Tal. Zu sehr hatte ihr das linke Knie bei den vielen Abstiegen der letzten Tage Probleme bereitet. Der Rest der Gruppe machte sich weiter auf dem Höhenweg Nr. 24 Richtung Meran auf. Zum Glück verlangte der recht einfache Weg nicht mehr unsere volle Aufmerksamkeit, ringsherum gab es nämlich so viel zu sehen und zu bestaunen. Die lieblichen Hangfelder mit Weinreben und Apfelbäumen in Reih und Glied, in die herrschaftliche Bauernhäuser und feine Ansitze gebettet waren. In deren Pools wären wir nur allzu gerne gesprungen. Stattdessen kauften wir frische Kirschen bei einem Bauern. Kaum zu glauben, dass wir bis vor Kurzem noch Schnee unter den Füßen hatten … Dem Algunder Waalweg folgend, kamen wir schließlich auf den Tappeinerweg. Nun war es wirklich nur noch ein Spaziergang, zahlreiche Touristen schlenderten auf der fein angelegten Promenade über Meran. Das Ziel war zum Greifen nah und doch verließen mich auf den letzten Metern die Kräfte. Die Anstrengungen der vergangenen Tage zehrten an mir und ich hatte keine Lust, mit meinen dreckigen Stiefeln, meinem schweren Rucksack und verschwitzten Stirnfransen neben den gut betuchten, flanierenden Meraner Sommergästen her zu schlurfen. Die letzten Schritte waren hart, doch dann war es geschafft. Meine Mutter empfing uns gemütlich in einem Café sitzend. Erschöpft, aber glücklich gesellten wir uns dazu. Und dann, nach acht erlebnisreichen Tagen, genossen wir den Luxus einer langen, heißen Dusche. Der anschließende Sprung ins kühle Nass eines Freibads weckte unsere Lebensgeister, und während wir hinaufblickten zu den Bergen, von wo wir gekommen waren, durchströmte ein unfassbares Glücksgefühl unsere müden Körper.

Was ich gelernt habe

Ich blicke zurück auf die kleinen und großen Freuden, die ich zu Fuß gesammelt habe.

Den E5 kann jeder gehen. Die Hausfrau aus Köln, die sich einer geführten Wandergruppe anschließt und mal ein Stück mit dem Taxi fährt, wenn sie nicht mehr kann. Oder die zwei jungen Burschen aus Salzburg, die in vier Tagen die komplette Strecke gelaufen – also wirklich gerannt – sind, dafür aber von der Landschaft kaum etwas mitbekommen haben. Der E5 ist wie ein Magnet und zieht mit seiner beeindruckenden Naturkulisse, seinen täglichen Herausforderungen und der Freiheit, die einem am Berg begegnet, alle in seinen Bann.

Buchtipp für all jene, die das Abenteuer wagen möchten

Der Europäische Fernwanderweg verläuft auf 3.200 km von der Bretagne bis nach Venedig. Die Überquerung der Alpen von Oberstdorf nach Meran ist der anspruchsvollste und beliebteste Streckenabschnitt mit jährlich über 200.000 Wanderern. Mittlerweile haben sich verschiedene Routen etabliert. Eine davon führt durch die hochalpine Gebirgslandschaft der Ötztaler Alpen über das Niederjoch am Schnalskamm nach Südtirol.

Traum und Abenteuer – Der E5
Begegnungen und Grenzerfahrungen auf der Alpenüberquerung zwischen Oberstdorf & Meran.

Nina Ruhland & Christoph Jorda Bruckmann Verlag GmbH